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Das Weinparlament

23. Juli 2007

Unvergessliche Abende

Autor: | Zeit: 19:55 Uhr | Rubrik: Wein, Essen & Trinken

Das war mal ein richtig schöner Samstag! Eingeladen von einem Weinfreund ging es Richtung Grenze zu den Niederlanden. Zwar nicht ganz rüber, aber schon nahe dran. Geplant war eine nette Grillrunde und ein Tag des offenen Weinkellers. Also ein Motto, wie es schöner nicht sein konnte: Genuss aus allen Rohren!
Nach einem sonnigen Tag vor, durch und hinter der Grenze wurde am späten Nachmittag „Feuer Frei“ gegeben, nicht ohne natürlich mit einem ersten Glas frischen Rieslings das Kommende adäquat einzuläuten.
Die enorme Menge des vorhandenen Grillguts ließ kurzfristig die Befürchtung aufkeimen, dass das Argentinische Rind neuerdings zu den bedrohten Tierrassen gezählt werden muss. Hier zählt nun wohl erstmal vorsichtiges Nachzüchten, denn was im Verlauf des Abends auf den Grill geworfen wurde, hatte schon Herdencharakter.
Was dann nach und nach in die Gläser kam, ist mehr als nur wenige Zeilen wert. Aber der Reihe nach:

Schloss Lieser: „Riesling trocken 2006“
Glasklare, frische Nase nach grünem Apfel, leicht herb wirkend, noch etwas grün, jedoch mit gutem Biss. Am Gaumen mit sehr schöner Mineralik, feingliedriger Struktur, gutem Biss und mittlerer Länge. Ein sehr schöner Auftakt! 82 Ingo-Punkte.

Manz: „Oppenheimer Sackträger Riesling Spätlese trocken ‚M’ 2002“
Leicht rauchig wirkend, speckige Note, feine Reifenoten. Dann auch getrocknete Früchte. Am Gaumen mit sehr eleganter Struktur, wieder etwas Speck, einer feinen Säureummantelung und gutem Druck. Im Abgang wieder rauchig und mit mittlerer Länge. 86 Ingo-Punkte.

St. Urbanshof: „Ockfener Bockstein Riesling Kabinett 2006“
Eine reine Pfirsichbombe! Herrlich zu schnuppern! Sehr druckvolle Nase, kraftvolle Frucht, sehr rein und klar strukturiert. Am Gaumen mit sehr schönem Druck, wieder Pfirsichnoten dominierend, mit toll eingebundener Säurestruktur. Ein sehr elegant-ausgewogener Wein mit schönem Schmelz und sehr guter Länge. 88 Ingo-Punkte und wieder einmal der Beweis, dass guter Wein keine Alkoholbombe sein muss. Denn mit gerade einmal 9% vol. ist der Ockfener Bockstein ein echtes Leichtgewicht.

Schloss Lieser: „Riesling 2006“
Glasklare, exotisch anmutende Nase, Maracuja vorne, dann auch reifer Apfel. Später auch Aprikose und Ananas. Sehr saftig, süffig, mit wunderbaren Fruchtaromen. Am Gaumen sehr sauber, schöner Druck, tolles Zusammenspiel von Frucht und Säure und langes Finish. 88 Ingo-Punkte.

Fattoria Ispoli: „Chianti Classico Riserva 2000“ aus der Magnum genossen.
Sehr typische Nase, rote Beeren, Tabak, feinwürzig in seinem Charakter. Dann auch Pflaume, Blaubeere. Am Gaumen mit einer sehr eleganten Säurestruktur, herrlich mürben Tanninen und einer geradlinigen, trockenen Struktur. Sehr schöner Biss, hinten heraus auch noch Aromen von Kakao und Liebstöckel. Auch im Abgang schön lang! 90 Ingo-Punkte.

Barone Ricasoli: „Casalferro 1997“
Wieder so ein gut gelungener Italiener! Aromen von Amarenakirsche, Liebstöckel, Marzipan. Später gesellt sich auch Brioche hinzu. Die mürben Tannine, verbunden mit einer feingliedrigen Säurestruktur und einer ausgewogenen Fruchtigkeit machen den Wein zu einem herrlichen Erlebnis. Auch das Finish ist von sehr schöner Länge. 93 Ingo-Punkte.

Mont du Troit: „Le Sommet 1998“
Dann diese Aromenbombe. Le Sommet hat von allem etwas: Süße, dunkle Waldbeeren, Brombeeren, Blaubeeren, Pflaume, Piemontkirsche. Dann auch Leder, Toffée, Kaffee, Zedernholz, pfeffriger Rauch. Ein ungemein komplexer, vollmundiger Wein, ein elegantes Powerteil, leicht erdig-torfig wirkend, Marzipan, Druck pur. Finessenreiche Wucht sozusagen. Ich notiere zum Abschluss: Denkwürdig langer und wunderbar ausgewogener Abgang. 97+ Ingo-Punkte.

Carruades de Lafite 1996
Klassischer Babymord. Aber was da mal kommen wird, konnte die Runde schon heuer erkennen. Reifes Holz im Vordergrund. Aber dahinter rote und dunkle Beeren, Graphit, Olive, weißer Pfeffer. Sehr extraktreich, fast cremig in seiner Struktur, mit sehr schönen Röstaromen, vor allem geröstetes Brot. In seiner gerade zugenagelten Phase schwer zu bewerten Trotzdem 90++ Ingo-Punkte.

Hundsdorfer: „Cabernet Sauvignon 2002“
Da wurde ein wenig diskutiert. Nicht über die Qualität! Da war man sich einig. Die stimmte absolut. Nur diese winzig kleine Klebstoffnote. War sie nun da oder nicht? Der Chronist hat hier die Tasten in der Hand und hat diese Note vernommen. Also: Ja. Daneben aber sehr schöne Aromen von Pflaume, Kirsche, Cassis und Blaubeere. Konzentrierte Schokoaromen gesellen sich hinzu. Mit der Zeit gewinnt der Wein ungemein an Struktur im Glas hinzu. Eigentlich auch etwas sehr jung – aber die Neugier siegt. Auch die Pattexnote schwindet mit der Zeit von dannen. Im Finale dann leicht lakritzige Noten. Das wird auch noch ein Hammerteil! 90+ Ingo-Punkte.

Château Pichon Longueville Comtesse de Lalande 1997
Der letzte, schriftlich festgehaltene Wein des Abends. Cassis, Liebstöckel, Blaubeere. Dann auch feines Holz. Am Gaumen mit einer kräftigen Säurestruktur, einer feinen, frischen Vanillenote und einer insgesamt knackigen Charakteristik. Im weiteren Verlauf dominieren zunehmend Cassis und der Hauch frischen Holzes. Der zu Beginn mittellange Abgang gibt sich zum Schluss auch noch mehr Mühe, so dass der Wein noch richtig Spaß macht. 90 Ingo-Punkte, verbunden mit der Vorfreude auf noch einige andere 97er, die derzeit auf den Korkenzieher warten. Der Jahrgang hat absolut seine – klassische – Daseinsberechtigung!

Nach der roten Weinorgie gab es noch Edelsüßes im Glas. Nur fehlen dem Chronisten hierzu die Aufzeichnungen. Irgendwann geht es einfach nur noch ums Genießen. Auch ein Weinschreiber legt den Stift ab und zu mal zur Seite. Besonders dann, wenn der Abend so wunderbar war, wie der letzte Samstag.

Dem Gastgeber sei an dieser Stelle der herzlichste Dank für die schöne Organisation, die kredenzte Rinderfarm und die hervorragenden Weine ausgesprochen. Revanche folgt!

CU

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6 Kommentare to “Unvergessliche Abende”

  1. JoSch schreibt:

    Ingo,
    da hast Du den Abend ja sehr launig zu “Papier” gebracht.
    Schön das es euch gefallen hat.
    Deiner Einschätzung der Weine kann ich im Großen und Ganzen folgen. Nur der Hundsdorfer, den sehe ich etwas anders als Du.
    Was Du für eine Klebstoffnote gehalten hast war wohl doch eher eine sehr ausgeprägte, fast schon scharfe Cassisnote.
    Heute, nach zwei Tage in der offenen Flasche im Kühlschrank aufbewahrt, zeigt der kleine Rest in der Nase wunderbare Noten von Cassis, Schokolade, etwas Vanille und roten Beeren.
    Keine Spur mehr von dem vermeintlichen Klebstoff.
    Am Gaumen setzen sich die Eindrücke der Nase nahtlos fort.
    Voller Körper, sehr gut strukturiert, viel Druck, viel Extrakt und Konzentration, dabei nicht breit, mit Eleganz und Finesse.
    Der Abgang ist sehr lang und geprägt von einer wunderbaren Cassisfrucht.
    Der Wein hat an der Luft enorm zugelegt.
    Es war also tatsächlich Babymord.
    Heute 93+ PS (Points by Schmitt)

    Übrigens, auch die Rieslinge haben die Zeit im Kühlschrank ohne die geringsten geschmacklichen Einbussen überstanden.

    Jetzt wartet noch der Carruades in der Karaffe auf die Nachverkostung. Aber dazu morgen mehr.
    Schöne Grüße von der holländischen Grenze besonders an die bezaubernde Barbette.
    JoSch

  2. Weinschreiber schreibt:

    Habe ich’s mir doch gedacht, dass die von Dir genannten Weine mit der Zeit noch zulegen! Besonders beim Hundsdorfer! Und wie sich der Carruades entwickelt hat, interessiert mich auch sehr!
    Auf ein Neues in Bälde?
    Viele Grüße
    Ingo

  3. JoSch schreibt:

    Jo, gerne,
    allerdings am nächsten Wochenende sind wir schon verplant*gg

  4. JoSch schreibt:

    So Ingo,
    inzwischen habe ich auch den Carruades noch einmal nachverkostet.
    Also so richtig aufgemacht hat der Wein auch nach zwei Tagen in der Karaffe nicht.
    Hinter den immer noch vorhandenen, aber nicht mehr dominierenden, Röstaromen kommen die Fruchtaromen nun deutlicher zum Vorschein.
    Auch die Tannine sind nicht mehr so hart und der lange Abgang ist nun viel weicher und fruchtiger als vorher. Trotzdem erscheint mir der Wein nicht wirklich zugänglich. Eher wie Musik hinter einem Vorhang oder aus einem anderen Raum. Aber obwohl die Musik etwas weit weg ist, gefällt sie mir. Heute 91 PS

  5. JoSch schreibt:

    Hmm, kann es sein, dass dein System die Sommerzeit nicht mitmacht?
    Bei mir ist es eine Stunde später*gg
    Schöne Grüße von der holländischen Grenze
    JoSch

  6. Weinschreiber schreibt:

    Die Seite heisst ja auch Weinschreiber mit “W” wie Winterzeit ;-)
    Keine Ahnung, warum das so ist. Vielleicht sind die Zeitzonen im Pott und an der holländischen Grenze ja unterschiedlich…?
    Viele Grüße
    Ingo

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